Hintergrund
Zur mündlichen Abschlußprüfung meiner Ausbildung hatte ich eine Leseliste abzugeben. Darauf sollten
verschiedener Titel aufgelistet werden, auf die sich die Prüfer am Ende der Prüfung beziehen konnten
und zu denen allgemeine Fragen gestellt wurden.
Unter anderem hatte ich unter der Überschrift "Philosophie der Persönlichkeit" einen Schwerpunkt
gesetzt. Der Titel sollte verdeutlichen, daß es sich dabei um eine Form der Philosophie handelt, die
sich vor allem mit dem Individuum beschäftigt, bei der also die Frage nach dem Leben des Einzelnen
im Vordergrund steht.
Dabei habe ich darauf geachtet, die einzelnen Titel so zu wählen, daß verschiedenen Autoren
unterschiedlicher Weltanschauungen und Religionen aus verschiedenen Zeiten berührt werden. Man meine
an dieser Stelle bitte nicht, daß ich schon alle Bücher, die der deutsche Buchmarkt hergibt,
gelesen hätte und ich nach langer und quälender Auswahl mich für eben diese Titel entschieden hätte.
Vielmehr handelt es sich dabei um Titel, die ich unter anderen Gesichtspunkten und zu verschiedenen
Gelegenheiten, zeitlich also weiter auseinander liegend, gelesen habe, die aber doch einen
nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen haben und die ich dann unter genanntem Titel
zusammengefasst habe:
Titel
Aurel, Marc:
Selbstbetrachtungen
Verlag: Kröner, Preis: 20,00DM, ISBN: 3-520-00412-7
Marc Aurel, eigentlich Marcus Aurelius Antonius, wurde 121 n.Chr. in Rom geboren und starb 180 n.Chr.
in einem Feldlager bei Wien.
Marc Aurel war wohl der letzte Stoiker auf dem Kaiserthron. In seinen letzten Lebensjahren schrieb
er die "Selbstbetrachtungen" auf, kurze Essays über das Leben. Aufgeschrieben am Ende eines
wechselvollen Lebens, die der Philosoph in Feldlagern und auf dem Schlachtfeld verbrachte.
Auch wenn man seine Regierungszeit als Kaiser des Römischen Reiches kritisch betrachten muß
(Christenverfolgungen, Einsetzung seines Sohnes Commodus und die sich ausbreitende Pest), so bleiben
seine "Selbstbetrachtungen" doch glänzend stehen als das nachdenkliche, nach innen gekehrte Spätwerk.
Machiavelli, Niccolo:
Der Fürst
Verlag: Kröner, Preis: 22,00DM, ISBN: 3-520-23506-4
Niccolo Machiavelli wurde 1469 in Florenz geboren, wo er 1527 auch starb. Auch wenn man ihn nicht zu
den "großen" Staatsphilosophen zählen kann, so hat er sich doch sehr intensiv mit dem Themen Politik
und Macht auseinandergesetzt.
An dieser Stelle sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es zum Verständnis der Lehre eines
Niccoló Machiavelli nicht ausreicht, das genannte Buch zu lesen. Es hat erheblich zur
Verfehmung dieses Mannes beigetragen, daß er oft nur anhand des "Fürsten" gemessen wird - ebenso
wichtig sind auch die "Geschichte von Florenz" und die "Discorsi", die ihn als Verfechter einer
aufgeklärten Republik erscheinen lassen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang sicherlich auch das Buch "Das Leben Castruccio Castracanis
aus Lucca", in dem Machiavelli anhand einer historisch realen Person den idealen Herrschertypus
zeichnet.
Yamamoto, Tsunetomo:
Hagakure
Verlag: Piper, Preis: 16,90DM, ISBN: 3-492-23281-7
Tsunetomo Yamamoto wurde 1659 in Saga (Japan) geboren und starb 1719.
Im "Hagakure" ("Der Weg des Samurai") beschreibt Yamamoto wie Marc Aurel die Quintessenz seines Leben.
Er beschreibt, was er erlebt hat und was für Lehren er für sich und sein Leben daraus gezogen hat.
Zum besseren Verständnis des Buches sollte Folgendes bekannt sein: Yamamoto selber ist ein Samurai
gewesen. Nach dem Tod seines Fürsten hätte es die Tradition von ihm verlangt, daß er "seppuko", den
rituellen Selbstmord, vornimmt. Durch einen Erlass seines Fürsten durfte er diesen aber nicht
vollziehen, und so beschloß Yamamoto ins Kloster zu gehen, wo er während seiner letzten Lebensjahre
dieses Buch diktierte.
Es sollte nicht vergessen werden, daß Yamamoto aus der Sicht eines Samurai schreibt. Auch wenn er
vieles im Buch erklärt, sollte man wenigstens einige Grundkenntnisse des Buddhismus und über das
Leben im alten Japan mitbringen.
Herrigel, Eugen:
Zen in der Kunst des Bogenschiessens
Verlag: O.W. Barth, Preis: 28,90DM, ISBN: 3-502-64280-X
Eugen Herrigel ist nun der modernste Schriftsteller dieser Liste. Er lebte von 1884 bis 1955. Als
Professor der Philosophie in Heidelberg ging er 1924 an die Kaiserliche Universität in Sendia,
Japan, wo er den Buddhismus studierte.
In seinem Buch "Zen in der Kunst des Bogenschiessens" beschreibt er seinen langen und schwierigen
Weg, Zen zu lernen, ohne dabei immer wieder in seine "westlich" geprägten Denkmuster zu verfallen.
Er beschreibt diese Entwicklung stets mit einer gewissen Distanz und doch Nähe zu sich selber und
bringt dem Leser so sehr eindringlich nahe, was er selber erlebt hat.
Herrigel ist vor allem deshalb interessant zu lesen, weil er fernöstliche Denkmuster in bezug auf den
Buddhismus aus seiner Sicht nahe bringt, dabei aber immer der Schüler ist, der tägliche Unterweisung
seiner Lehrer und der Menschen um sich herum braucht.
Schlußbemerkung
Schlußendlich hoffe ich, an dieser Stelle vielleicht doch etwas Interesse an den genannten Büchern
geweckt zu haben. Sicherlich läßt sich die Liste noch fortführen, und mit Sicherheit fehlen in
dieser Liste große und auch bedeutende Bücher.
Ich für meinen Teil habe viel Interessantes und Wissenswertes aus diesen Titel für mich ziehen können;
bin oft zum Nachdenken angeregt worden.
Und so wünsche ich dem Leser Freude und neue Eindrücke und Einblicke in das Leben, daß uns hier auf
dieser Erde gegeben ist.
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Autor: Christian Wüstling