Die Biografie
Robert Merle, Sohn eines französischen Offiziers, wurde 1908 in Tébessa in Algerien geboren.
Nach Schule und Studium der Anglistik in Frankreich kämpfte Merle im Zweiten Weltkrieg, wo er
von 1940 bis 1943 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet.
Nach dem Ende des Krieges kehrte er nach Paris zurück und beendete sein Studium. Seinen ersten
Roman "Wochenende in Zydcoote" schrieb er 1949, sein Durchbruch gelang ihm 1957 mit dem Buch
"Der Tod ist mein Beruf ".
Merle starb 2004 an einem Herzinfarkt in Paris.
Der Schreibstil
Merle hat sehr unterschiedliche Romane geschrieben - historische, aktuelle und futuristische, er hat
auch Biografien geschrieben und damit ein sehr umfassendes Repertoire vorgelegt.
Ich selber habe bisher nur die Romanfolge "Fortune de France" (Schicksal Frankreichs) gelesen, die mich
sehr beeindruckt hat. Merle beschreibt hier die Geschichte von Pierre de Siorac und seinen Abenteuern
in Frankreich (Italien und Spanien) während der Zeit der französischen Glaubenskriege. Die Romanfolge
umfasst 13 Bände, die noch nicht alle ins Deutsch übersetzt sind.
Eigentlich besteht sie aus sechs Romanen, die ich im Folgenden kurz in der chronologischen Reihenfolge
der Handlung beschrieben möchte. Warum eigentlich nur sechs? Diese Frage möchte ich am Ende beantworten.
Die Werke: Fortune de France
Zunächst einige Hinweise zur historischen Einordnung des Werkes und zum besseren Verständnis
der Situation, in der sich das christliche Abendland damals befand. Diesen Einschub erlaube ich mir,
da Merle nur die Erlebnisse der handelnden Personen schildert und den religiösen Hintergrund ausspart.
Die Romanfolge beginnt im Jahr 1550. Zum Verständnis lohnt es
sich, einige Jahre zurückzublicken - ohne hier eine Nachhilfestunde in Kirchengeschichte versuchen zu
wollen. Man stelle sich ein christliches Abendland vor, in dem es nur eine Kirche gibt. Und die ist
katholisch. Sie vertritt die einzige offizielle Weltanschauung, ihr Reichtum zieht die Menschen in
ihren Bann und der Papst ist der oberste Hirte aller Christen.
Es ist John Wycliff, der um 1370 herum in England seine Stimme erhebt und die katholische Kirche
als Erster offen angreift. Er spricht der Kirche die Rechtmäßigkeit von weltlichem Besitz ab und
bestreitet den Machtanspruch des Papstes, er verwirft die Lehre der Transsubstantion
(Wandlung der Oblaten und des Weines in Leib und Blut Christi) und beginnt
auch als Erster, das Neue Testament ins Englische zu übersetzen.
Ab 1400 taucht in Tschechien Jan Hus auf, der die Ideen Wycliffs aufgreift und sie seinen Landsleuten
auf Tschechisch nahebringt. In seinem Buch "De Ecclesia" greift er offen die Kirche an, fordert die
Auflösung der hirarchischen Ordnung der Kirche und postuliert, dass das Haupt der Kirche nur
Christus selber sein kann. Da er auf dem Konstanzer Konzil 1415 nicht widerruft, wird er
verbrannt - genauso wie die Knochen von Wycliff, den man auch zum Ketzer erklärt und dessen
Knochen man extra zu diesem Anlass 30 Jahre nach seinem Tod ausgräbt. Hus ist tot, aber seine Ideen
leben weiter und mit seinen Anhängern, den Hussiten, kommt es in den Hussitenkriegen (1420)
zu blutigen Glaubenskriegen.
100 Jahre später, also 1517, veröffentlicht Luther seine 95 Thesen, mit denen er für Reformen
der Kirche eintritt und vor allem eine Rückbesinnung auf das tatsächlich geschriebene Wort fordert -
die Bibel als solche und eben nicht ihre mündlich überlieferten Auslegungen. Luther wird dafür
exkommuniziert, geächtet und gebannt und muss fliehen. Zuflucht findet er auf der Wartburg, wo er
die Bibel ins Deutsche übersetzt. Im Jahre 1534 erscheint die erste Volldruckbibel, also die erste
komplette Übersetzung der Bibel mit Altem und Neuem Testament incl. der Apokryphen. Den Druck
besorgt Hans Lufft, eine wunderschöne Faksimile-Ausgabe ist vor einiger Zeit bei Taschen verlegt
worden - und sei hier auf das Herzlichste empfohlen.
In derselben reformatorischen Tradition stehen auch Zwingli, der zur gleichen Zeit lebt wie Luther und
vor allem in der Schweiz wirkt und Jean Calvin, der aus Nordfrankreich stammt und später von Genf
aus die reformatorische Sache vor allem nach Frankreich trägt.
Und damit sind wir dann auch im Jahre 1550, in einer Zeit, in der die "ketzerischen" Ideen der
"Reformierten", oder wie sie auch genannt werden, der "Hugenotten", durch Europa und durch Frankreich
geistern. Sie werden von der katholischen Kirche als Bedrohung aufgefasst und als solche mit allen
Mittel bekämpft ...
Fortune de France, 1977 (1993, Übersetzung: Edgar Völkl und Ilse Täubert)
Die Geschichte unseres Helden Pierre de Siorac beginnt, der als zweitgeborener Sohn auf der
Burg seines Vaters in der Baronie Mespech aufwächst und schon früh reichlich Abenteuer erlebt. Seine
Familie hängt dem reformierten Glauben an, während die Mutter weiter Papisten (also katholisch)
bleibt. Pierre verlebt eine gute Kindheit, hugenottischer Sparsinn des Vaters und des Onkels Sauvterre
führen dazu, dass die Familie nie Not leidet. Zu dieser Zeit lernt Pierre auch seinen späteren treuen
Diener - nein, nicht Sanco Pansa, sondern Miroul - kennen.
In unseren grünen Jahren, 1979 (1996, Übersetzung: Andreas Klotsch)
Pierre ist nur Zweitgeborener der Familie, und so ist schon ganz früh klar, dass er nichts erben
wird. Also muß er etwas Lernen - und geht mit seinem Halbbruder Samson und Miroul nach Montpellier,
um Medizin zu studieren und so einen Grundstein für sein späteres Auskommen zu legen. Seine Wissbegierigkeit -
um nicht zu sagen Neugier - in medizinischen Dingen wissen aber nicht alle zu schätzen, und so
empfiehlt sich schon bald die hastige Flucht aus der Stadt. Die führt ihn über einen Umweg zurück
nach Hause, von wo er aber bald wieder fliehen muß: zum König nach Paris.
Die gute Stadt Paris, 1980 (1992: Edgar Völkl)
"Eines weiß ich mit Gewissheit: es stehet mit uns wie mit dem Meere, dessen Stille nur trügt.
Darunter ist alles Bewegung, Unruhe, Aufruhr." - so beginnt die Erzählung der Erlebnisse von
Pierre in Paris. Paris: Sitz des Königs, größte Stadt in Frankreich, Prunk im Schloß, der Reichtum
des Landes dort versammelt, wo sich auch die hübschsten und charmantesten Damen tummeln - sehr zur
Freude von Pierre, der voll auf seine Kosten kommt. Paris hat aber auch noch ein anderes Gesicht:
das der Diebe und Mörder, der Armen und Hoffnungslosen, die im Schmutz und Dreck der überbevölkerten
Stadt ihr Dasein fristen. Und Pierre bekommt als Hugenotte auch noch die grausamste Seite der
Stadt zu spüren: die Bartholomäusnacht am 24. August 1672.
Noch immer schwelt die Glut, 1982 (2002: Christel Gersch)
Pierre entkommt mit Glück dem Hexenkessel der Bartholomäusnacht und kehrt zur Familie ins
Périgord zurück, wo es ihn aber nicht besonders lange hält. Zwei Jahre später kehrt er nach
Paris zurück - an den Hof von Heinrich III. Sein Leben bekommt in dessen treuen Diensten eine
ganz neue Wende - und Pierre bewährt sich auf so mancher geheimen Mission für den König. Aber wohin er
auch kommt, bleiben Paris und ganz Frankreich in Glaubensdingen ein heißes Pflaster, denn "noch
immer schwelt die Glut".
Paris ist eine Messe wert, 1983 (2003: Christel Gersch)
Heinrich III. ist Katholik und ein guter und starker König - bis zu dem Tag, an dem er ermordet wird,
weil er sich den Hugenotten gegenüber zu tolerant zeigt. Das katholische Frankreich verliert damit
einen König, der sich von den Eiferern der katholischen Kirche gegen die Hugenotten nicht
mitreißen läßt und dem die Bartholomäusnacht, die in seine Regentschaft fällt, schwer im Magen liegt.
Zu allem Überfluß ist der König von Navarra sei Nachfolger - ein Hugenotte, der schon mehrmals zwischen
dem Katholizismus und dem Protestantistum hin und her konvertiert ist und Heinrich III. immer
bekämpft hat. Pierre ist und bleibt loyal, er dient dem König von Navarra und hilft diesem auf seinem
beschwerlichen Weg zum rechtmäßigen Thron - als Heinrich IV., König eines Reiches, dass er sich
erobern muß.
Der Tag bricht an, 1988 (2004: Christel Gersch)
Heinrich IV. erweist sich als guter König, der als Hugenotte sein Reich zurückerobert und dabei
denen Milde angedeihen läßt, die sich ihm ergeben. Doch auch wenn er das Land erobern kann - die
Herzen der Menschen gewinnt er nur schwer, woran auch eine weitere Konvertierung zum katholischen
Glauben wenig ändert, solange der Seine Heiligkeit, der Papst in Rom, und Felipe II., seines
Zeichens König von Spanien und mächtister (katholischer) Herrscher in Europa, ihn nicht
anerkennen. Mit dem Edikt von Nantes, 1698 von Heinrich IV. erlassen und 1699 von der Judikative
abgenickt, finden die Jahre der Glaubenskriege ein Ende, denn nun wird den Hugenotten
Gewissensfreiheit gewährt - wohl gemerkt nur die Gewissensfreiheit und keine Religionsfreiheit,
die auf zwei Städt in Fankreich beschränkt ist.
Adnoten
Eigentlich ist mit dem Edikt von Nantes die Zeit der Glaubenskriege in Frankreich beendet.
Doch der Alltag zeigt auch danach noch eine Realität, die von christlicher Nächstenliebe
oftmals weit entfernt ist. Merle wollte die Romanfolge "Fortune de France" eigentlich mit dem
sechsten Band schließen, aber da mit dem Datum 1698 kein innerer Friede im Land einkehrt,
geht seine Geschichte weiter.
Ich selber habe aber mit dem sechsten Band geschlossen, da sich hier - auch erzählerisch - ein
Bogen schließt und ich mich zeitgleich um die Verteidigung meiner Diplomarbeit bemüht habe.
An den Romanen habe ich aber sehr viel Freude und Spaß gehabt und ich kann sie jedem, der sich
für historische Romane interessiert, von Herzen empfehlen.
Bei so viel Lob möchte ich aber auch noch einige kritische Anmerkungen machen.
So scheint der gute Merle - oder aber die Übersetzer(innen) - mit der Zeit hier und da die
Übersicht verloren zu haben. So wird aus dem guten Cabusse zwischenzeitlich mal Cabuche,
die benachbarte Baronie heißt nicht mehr Fontenac, sondern Frontenac, und auch bei der
Schreibweise eines weiteren Dieners herrscht etwas Durcheinander: Mal heißt Coulondre
mit Nach- oder besser Spitznamen Eisenarm, dann wieder (französisch) Bras de fer oder aber
bras-de-fer.
Auch in seinem Erzählstil ist Merle leider nicht ganz stringent. Beginnt der erste Band noch als
ein einfacher Bericht, als Erzählung, so spricht Pierre de Siorac, dessen Tagebuch wir lesen,
später den Leser - oder besser die "schöne Leserin" - direkt an und kommentiert für sie die
Geschehnisse. Und zu allem Überfluß beginnt er ab dem vierten oder fünften Band auch noch, seine
"schöne Leserin" in fiktive Dialoge zu verstricken. Zumindest mir hat er mit diesem Einfall
keine Freude gemacht.
Und ein letzter Seitenhieb sei noch gestattet gegen den unglückseligen Verlag, der einige
Anstrengungen unternommen hat, das Lesevergnügen zu schmälern.
Was auch immer Aufbau geritten hat;
es ist mir unbegreiflich, warum ein Verlag nach dem Zufallsprinzip Romane einer chronologischen
Folge übersetzt, sodass der vierte Band bereits 1982, der erste Band aber erst 1993 und der
sechste Band 2004 erschienen ist. Das mag verstehen, wer will. Ich gehöre freundlicherweise
zu den glücklichen Menschen, die erst jetzt mit dem Lesen begonnen haben und so die Bände eins
bis sechs hintereinander weg lesen konnten.
Und warum nun vier unterschiedliche Personen die Übersetzungen besorgt haben, ist auch nicht ganz
klar - es spricht aber Bände über die Personalpolitik bei Aufbau ...
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Autor: Christian Wüstling